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Jubiläum 20 Jahre Umweltbüro
Im Juli 2010 wurde das Umweltbüro Donaueschingen 20 Jahre alt. Dies wurde in einer kleine Feierstunde im Belvedere in Donaueschingen gefeiert.
Rund 25 Vertreter aus Kommunalpolitik, Behörden und Naturschutzverbänden lauschten den Vorträgen des GVV-Vorsitzenden Bürgermeister Jürgen Guse und dem Leiter des Umweltbüros, Dr. Gerhard Bronner.
Rede von Umweltberater Gerhard Bronner
20 Jahre sind eine lange Zeit. Genug, um in einer Landschaft heimisch und vertraut zu werden, genug, um auch kommunalpolitisch zu wissen, wie der Hase läuft.
Es ist mir nicht langweilig geworden in dieser Zeit. Das hing sicher auch damit zusammen, dass ich bis zu einem gewissen Grad Arbeitsfelder und Schwerpunkte selbst gestalten konnte. Weder mein Arbeitgeber noch ich hatten ja Erfahrung mit einer solchen Stelle, und was konkret im kommunalen Umweltschutz getan werden sollte, hat sich erst mit der Zeit ergeben.
Die frühen 90er-Jahre waren eine Zeit, in der viele neue Stellen im kommunalen Umweltschutz geschaffen wurden. Die Gemeinden hatten entdeckt, dass das Thema Umweltschutz über ihre klassischen Aufgaben – Abwasser- und Müllbeseitigung – deutlich hinausging. Manche dieser Stellen wurden mittlerweile wieder gestrichen oder in ein größeres Amt eingegliedert. Dies stand im GVV nie zur Debatte. Dafür bin ich dankbar, und auch für die inhaltlichen und zeitlichen Freiräume, die man mir gewährt. Nicht jeder wird wissen, dass ich seit einigen Jahren nur zu 80 % arbeite, um mehr Zeit für ehrenamtliche Aufgaben zu haben.
Ich erinnere mich noch, als ein Stadtrat eine etwas flapsige Bemerkung zum Umweltbüro machte, die von manchen als Infragestellung meiner Stelle missverstanden wurde. Die musste er büßen: die inzwischen verstorbene Tierschützerin Frau Hämmerle hat ihm daraufhin telefonisch heftig den Kopf gewaschen. Es ist in Phasen, wenn keine großen Erfolge sichtbar sind, tröstlich zu wissen, dass man auch engagierte Verteidiger findet.
Das Umweltbüro wurde nicht als Alibistelle geschaffen, sondern es wurden wirkliche Verbesserungen im Umweltschutz angestrebt. Das Umweltbüro war nicht nur eine Dienststelle des GVV, sondern wurde zu einem Umweltgewissen des Städtedreiecks, zu einem Anwalt für Natur und Umwelt.
Das Aufgabenspektrum hat sich seit den 90er-Jahren verändert. Machte der richtige Umgang mit Müll, die Abfalltrennung und die Förderung des Recycling anfangs noch einen erheblichen Teil der Aufgaben aus, so ist dies mittlerweile komplett auf den Landkreis übergegangen und wurde ersetzt durch einen besonderen Energieschwerpunkt. Der erfolgreiche Einsatz für effiziente Energienutzung und regenerative Energien ist eine Konstante in der Arbeit des Umweltbüros. Und so wundert es nicht, dass alle drei Städte des GVV den kommunalen Umweltpreis des Landes für ihr Energie-Engagement gewonnen haben. Früher als anderswo ist die Niedrigenergiebauweise auf der Baar zu Standard geworden, früher als anderswo entstanden Passivhäuser.
Ob mit oder ohne Umweltberater: die Umweltanforderungen an die Gemeinden sind in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen. Auch Brüssel hat da mitgemischt: die Wasserrahmenrichtlinie und Natura 2000 haben neue Verpflichtungen, teilweise auch Einschränkungen für die Kommunen gebracht. Trotzdem: bei aller Meinungsverschiedenheit im Detail ist es grundsätzlich richtig, unseren Flüssen wieder mehr Raum einzuräumen – auch damit sie bei Hochwasser nicht mehr die Siedlungen heimsuchen. Und es ist richtig, unser natürliches Erbe – die frei lebenden Arten, die Kulturlandschaft – genauso zu erhalten wie unser kulturelles Erbe. Der Biber ist nicht weniger wert als das Donaueschinger Schloss – und beide verursachen gewisse Kosten.
Zum Glück ist der Biber noch billiger!
Sparen ist immer ein Thema in der Kommune, manchmal weniger, zur Zeit eher mehr. Sparen ist wichtig, aber es muss mit Augenmaß geschehen. Ich bin froh, dass das in meinen Arbeitsbereichen bisher überwiegend der Fall war.
Ich spare, indem ich die Möglichkeit nutze, viel Arbeit an Praktikanten und Zivildienstleistende zu delegieren. Das klappt, auch wenn es nicht immer leicht ist, sich auf neue Mitarbeiter einzustellen und sie einzulernen. Rund 40 Personen waren in den letzten 20 Jahren über längere Zeit im Umweltbüro beschäftigt, haben wirksame und anspruchsvolle Arbeit geleistet und viel gelernt. Ganz überwiegend haben Sie die Arbeit im Umweltbüro als Bereicherung empfunden. Ohne sie wäre das Arbeitspensum der letzten 20 Jahrenicht möglich gewesen. Nicht so lustig fände ich es, wenn das Sparen zum Streichen solcher Stellen führen würde und ich Tage am Kopierer oder beim Füllen von Excel-Tabellen verbringen müsste.
Ich spare für die Kommunen, indem ich versuche, Förderprogramme auszuschöpfen. Jetzt gerade wird mit rund 300.000 € aus Berlin am Klimaschutzkonzept für die Baar gearbeitet. Der uns gewährte 80 %-Zuschuss wurden mittlerweile für Neuanträge auf 60-70 % reduziert. Also: früher Vogel fängt den Wurm.

Ähnliches könnte bei der Gewässerentwicklung folgen, einer kommunalen Pflichtaufgabe, die das Land derzeit noch mit 70 % fördert. Diese Förderung haben wir mittlerweile für flächendeckende Gewässerentwicklungspläne und für etliche Umsetzungsmaßnahmen in Anspruch genommen. Falls der Fördersatz künftig sinkt: wir haben schon etliche Schäfchen im Trockenen.
Der Vertragsnaturschutz in der Riedbaar wurde anfänglich vom Umweltbüro organisiert. Dort fließen mittlerweile jährlich hohe fünfstellige Summen in eine umweltgerechte Bewirtschaftung. Und möglicherweise kommt in den nächsten Jahren ein Naturschutzgroßprojekt auf die Baar mit 90 % Zuschüssen aus Stuttgart und Berlin.
Weitere Geldquellen wurden angezapft: für den Heckenerlebnispfad in Bräunlingen, für die Geosäule in Hüfingen, für Energiesanierungen in Donaueschingen.
Manche Formen des Sparens können aber fatal sein. Wer ein Loch im Öltank hat und sich die Reparatur spart, verschwendet Geld. Auch da erinnere ich mich an einen Gemeinderatsbeitrag, der die Kürzung der Energiesparinvestitionen rechtfertigte: Man anerkenne, dass das Geld bisher hochrentabel ausgegeben worden sei, aber in Zukunft müsse eben auch weniger reichen. Auf Deutsch: man könne eben nicht mehr jedes Leck im Öltank flicken. Der Mann arbeitete in der Führungsebene einer Firma…
Lassen Sie mich einige konkrete Projekte der letzten 20 Jahre aufzählen:
- In allen drei Städten wurde ein systematisches Energiemanagement eingeführt. Dies und die erfolgten Investitionen haben dazu geführt, dass die Stadt heute rund 300.000 € weniger pro Jahr aufwendet als wenn sie nichts getan hätten.
- Der Kindergarten Sumpfohren wurde als Passivhaus und mit streng ökologisch geprüften Baustoffen gebaut. Als Modellprojekt erhielt er Zuschüsse der Europäischen Union und des Landes. Dies sei nur ein Beispiel für die Beteiligung bei Bauprojekten.
- Die Brigachschiene wurde vorangetrieben. Abwärme der Brauerei heizt nun nicht mehr die Atmosphäre, sondern Häuser von der Innenstadt bis zur Bühlstraße und ersetzt so Öl und Gas.
- Die Salzabwässer aus Bad Dürrheim belasten nicht mehr die Stille Musel, sondern werden über den Kanal zur Kläranlage geleitet. Seither leben dort wieder Fische.
- Die Niedrigenergiebauweise wurde früher eingeführt als anderswo. Über 200 Bauherren in Donaueschingen und Hüfingen sind bei den heutigen Energiepreisen froh, dass man sie damals zwang, besser gedämmte Häuser zu errichten.
- In einigen Ortsteilen laufen mittlerweile Vorbereitungen für Bioenergiedörfer. Die Abwärme von Biogas BHKWs soll dort zur Wärmeversorgung genutzt werden.
- Die Ökosiedlung auf der Staig ist entstanden und hat zahlreiche Nachahmer gefunden.
- Vor vielen Jahren wurde für Donaueschingen ein Klimaschutz-Handlungsprogramm entworfen, das nun mit dem städtedreiecksweiten Klimaschutzkonzept fortgeschrieben wird.
- An vielen Stellen fanden Gewässerrenaturierungen statt.
Von den Tops zu den Flops
Richtige Flops gab es keine, aber vielleicht verpasste Chancen. Bei manchem Baugebiet wäre ein Nahwärmenetz mit Holzzentrale möglich gewesen, man hat sich aber nicht getraut, eine Anschlusspflicht vorzusehen. Als die Bühlstraße erschlossen wurde, hätte noch die Chance bestanden, unter den ersten fünf Prozent der Kommunen zu sein, die großflächig in die Passivhausbauweise einsteigen. Gereicht hat es dann aber nur für 4 Bauplätze.
Und schließlich ein Thema, das von allen Fachleuten als eines der drängendsten in Baden-Württemberg angesehen wird: der Siedlungsflächenzuwachs.
Mir ist es nicht ausreichend gelungen, hier ein Problembewusstsein herzustellen, auch während meiner Zeit lag der Zuwachs auf der Baar deutlich über dem Landesdurchschnitt. Erst jetzt – im Zuge rückläufiger Bevölkerung – lässt der Druck nach außen nach und man richtet die kommunalpolitische Aufmerksamkeit nach innen: Baulückenerschließung, Umnutzungen, Modernisierungen stehen auf der Agenda. Aber jeder Bauherr, der in den letzten zehn Jahren sein Häuschen am Stadtrand gebaut hat (oder das derzeit tut), wird in den nächsten Jahren als Investor fehlen, um die Vitalität der Ortskerne aufrecht zu erhalten.
Nachdem ich nun aufgezählt habe, mit was ich mich alles beschäftigt habe, vielleicht auch einige Hinweise dazu, was dabei fehlt. Sie haben in den 20 Jahren von mir fast nichts gehört zu Mobilfunkstrahlen und wenig zu Gesundheitsbelastungen durch irgendwelche Spurenschadstoffe. In der Tat bin ich ein Anhänger der These Ernst Ulrich v.Weizsäckers, wir müssten in der Umweltpolitik den Fokus statt auf die Mikrogramm auf die Gigatonnen lenken. Welchen Sinn macht es, minimale Mengen von Schadstoffen mit fraglicher ökologischer Relevenz aus Abluft und Abwasser zu entfernen, wenn dies mit einem Energieverbrauch erkauft wird, der die Freisetzung von Tonnen von CO2 bedeutet?
Aber unsere Wahrnehmung von Umweltrisiken hat oft nichts mit deren tatsächlichen Bedeutung zu tun. Wir tendieren dazu, Risiken, die uns bedrohen, zu überschätzen (Mobilfunkmast, Abgas eines Blockheizkraftwerks), und solche, die wir selbst verursachen, zu unterschätzen (Telefonieren mit Handy, Autofahren).
Das Problem ist nicht mehr die Reinigungstechnik, sondern unser Konsumverhalten. Was uns in unserem Mobilitätsverhalten, in unserer Ernährung, in unserer Geräteausstattung, in unserem Wohnen als Standard und völlig normal erscheint, ist in Wirklichkeit im Weltmaßstab und gemessen an dem, was die Erde nachhaltig liefern kann, maßloß. Auch in der Kommune. Wir beleuchten Wege, die nachts nur von drei Autos, vier Katzen und zwei Spätjoggern benutzt werden. Wir beheizen Schwimmbecken, in denen drei Frühschwimmer baden. Wir diskutieren über den Bau von Parkplätzen, die im Jahr vielleicht zwei mal benötigt werden. Und wir bewegen zwei Tonnen Blech ins Haberfeld, um dort eine Stunde lang Sport zu treiben. Genug der Bußpredigt!
Wenn man menschliches Verhalten ändern will, kann man sich überlegen, wie man das am besten anstelllt. Die Politik mag Dinge am liebsten, die niemand wehtun. Also beispielsweise „Information und Aufklärung über umweltfreundliches Verhalten“ gegenüber dem Bürger, freiwillige Vereinbarungen gegenüber der Industrie. Schön und gut, aber wirkt das? Ich bin Naturwissenschaftler und beurteile Instrumente nicht danach, ob sie zur liberalen, konservativen oder sozialistischen Weltanschauung passen, sondern ob sie wirken. Wenn man seinem schmerzenden Zahn zehn Mal vergeblich gut zugeredet hat, dann sollte man vielleicht doch zum Bohrer greifen, bevor man es ein elftes Mal versucht.
Der Bürger ist nicht auf die Weise umweltbewusst, dass er von sich aus sein Verhalten umstellt, sondern so, dass er staatliches und politisches Handeln akzeptiert oder sogar erwartet. Die Anschnallpflicht ist hier ein gutes Beispiel: freiwillig lief gar nichts, erst die Bußgelder haben gewirkt. Und heute ist jeder glücklich damit.
Der Bürger will nicht zwischen umweltfreundlichen und umweltschädigenden Produkten wählen können, sondern er erwartet, dass nur noch umweltschonende auf den Markt kommen. Man kann sich den Mund fusselig reden über die Vorteile von Energiesparlampen oder sparsamen Autos: der Effekt bleibt begrenzt. Und dann kommt die EU daher und sagt: ab dem Jahr X müsst ihr. Basta. Oder halt: bei den Autos hätte sie gerne, wurde aber von Mercedes via Bundesregierung zurückgepfiffen.
Was für den Bürger gilt, gilt auch für die Wirtschaft. Schon vor 14 Jahren hatte das Bundeswirtschaftsministerium beim Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim eine Studie über freiwillige Selbstverpflichtungen im Umweltschutz in Auftrag gegeben. Es war nicht sehr glücklich über das Ergebnis:
Selbstverpflichtungen seien "weich, unfreiwillig, nicht marktwirtschaftlich und – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ein ungeeignetes Instrument der Umweltpolitik", schrieben die Ökonomen.
Warum betreiben wir eigentlich Umweltschutz?
- Schutz des Menschen vor giftigen und gesundheitgefährdenden Stoffen.
- Schutz der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes: Boden, Wasser, Luft, Klima
- Schutz der Artenvielfalt und der Schönheit der Kulturlandschaft
Das letztere Argument klingt nach Luxus, ist aber wichtig für unsere Lebensqualität und hat auch eine fundamental ethische Dimension.
Man kann es auch anders ausdrücken. Ich möchte deshalb enden mit einem Zitat eines der wichtigsten und wirksamsten Naturschützer Deutschlands, dem Journalisten Horst Stern, aus dem Jahr 1980:
„Der Lohn für unsere Arbeit heißt: auch 1985 noch ein Veilchen auf der Wiese zu sehen“. Übersetzt für unsere Situation heißt das: auch im Jahr 2020 noch ein paar Trollblumenwiesen auf der Baar.
Weiter Horst Stern
"Kein Wagnis steckt in der Behauptung, dass wir in einer Welt ohne Rembrandts und Kandinskys, ohne Kölner Dom und Bamberger Reiter leben könnten – ärmer zwar im Geist, das ist wahr. Nicht leben könnten wir aber in einer Welt ohne freilebende naturbelassene Tiere und Pflanzen. Kinder würden in ihr unsäglich verrohen. Ohne Formen– und Farbensinn, ohne Staunen und Demut vor den unerklärten Wundern pflanzlichen und tierischen Lebens, wüchsen sie als Technohybriden heran, die ihrer so verarmten Welt alsbald den Rest geben würden.
Es wär ihnen mit den Naturgeschöpfen der einzige Maßstab abhanden gekommen, an dem sich ablesen läßt, was allein und vor uns selbst rettet: die Einsicht, daß wir ein Teil der Natur sind, nicht ihr ein und alles."
Ich hoffe, dies war als Warner und nicht als Prophet gesagt. Wir haben heute noch die freilebende Natur, nur sind vielen der Kontakt dazu und ihr Verständnis verloren gegangen. Im kleinen Rahmen versuchen wir im Umweltbüro, mit unseren Naturerlebnisgruppen gegenzusteuern.
